Google Wave - ein Epic Fail?

Da ich in den letzten Tagen Google so begeistert gelobt habe, soll hier auch mal ein kritischerer Beitrag erscheinen. In diesem Fall geht es um Google Wave (für das ich ja noch eine Menge Invites zu vergeben habe).

Als ich vor einigen Monaten die Video-Demo gesehen hatte, war ich restlos begeistert. Damals war ich der Überzeugung, dass Google mit Wave die Antwort auf die Probleme von E-Mail in der heutigen Zeit gefunden hatte. Seit einigen Wochen nun habe ich Zugang zur Wave "Alpha" und meine Begeisterung ist Ernüchterung gewichen. Im Folgenden möchte ich erläutern, warum.

Lahme GUI

Google ist an allen Stellen bemüht, das Web schneller zu machen: SPDYSDCH, eigener DNS-DienstClosureChromeV8, ... um nur ein paar Dinge zu nennen, mit denen Google sich (erfolgreich) bemüht, die Performance von Webanwendungen zu verbessern. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man sich sehr schnell an eine "snappy" Webanwendung gewöhnt. Schaut man sich nun Google Wave an und öffnet z.B. eine Wave mit mehr als 100 Blips, bricht die Performance selbst in Chrome so dermaßen ein, dass das ganze keinen Spaß mehr macht. Momentan benötigt das Google-Wave-Tab in meinem Chrome ca. 500 MB Arbeitsspeicher und die CPU-Last ist bei solch großen Waves derart hoch, dass ein vernünftiges Arbeiten nicht möglich ist. Auf dem Netbook ist Google Wave momentan gar nicht zu verwenden. Mit Firefox und Opera habe ich mich noch gar nicht getraut, Wave zu öffnen...

Was ist da passiert, Google? Mir ist klar, dass Wave momentan noch in einem sehr frühen Stadium ist aber wenn ihr nun bis zu einer Million Benutzer drauf loslasst, muss ich mich schon fragen, ob das so geschickt ist. Hier muss auf jeden Fall noch etwas getan werden!

Unklare Bedienung

Die von Google momentan implementierte GUI sieht auf den ersten Blick sehr schön aus, offenbart jedoch einige Schwächen. Die nett gemeinte "Replay"-Funktion, mit der man die Änderungen an einer Wave nachvollziehen können soll, erweist sich nach genauerem Hinsehen als völlig nutzlos. Außerdem hat man keine vernünftige Möglichkeit, die seit dem letzten Aufruf einer Wave vorgenommenen Änderungen ordentlich darzustellen. Warum bietet Google da keine "Diff"-Funktion an, wie es z.B. Wikipedia macht? Man erkennt damit sehr schön, welche Änderungen vorgenommen wurden.

Außerdem verstehe ich nicht, was der Unterschied zwischen "unfollow" und "trash" ist und die Tatsache, dass alles in Google Wave eine Wave ist, ist für mich auch nicht immer sinnvoll. Warum muss ich die Optionen in Waves einstellen?

Fehlender Killer-Use-Case

Nach einigen Versuchen mit Freunden und Bekannten, bei denen wir mal ausprobiert haben, was man mit Wave so alles machen kann, habe ich überlegt, wozu ich Wave wirklich brauchen kann. Die Bilder-Upload-Funktion ist ganz nett, hat aber die Schwäche, dass man die Bilder nicht mehr in voller Auflösung herunterladen kann. Ansonsten finde ich einfach keine Funktion, die mir momentan wirklich fehlen würde, außer manche Public Waves: Ich finde die Podcast-Begleitungs-Waves (z.B. NSFWMobileMacsChaosradio) eine tolle Sache. Dort tragen während der Sendung die Hörer nützliche Informationen zusammen und jeder kann mitmachen. Das ginge aber auch in einem Wiki ;-)

Die Stärke von Wave aufgrund der offenen Implementierung ist ja, dass sich jeder einen Wave-Server aufsetzen kann, und dann mit anderen Wave-Nutzern beliebig kommunizieren kann. Angenommen mein Arbeitgeber würde einen solchen Dienst anbieten - ich hätte trotzdem noch das Problem mit dem fehlenden Use-Case. Wir haben doch bereits Instant Messaging, Wikis, Dokumentenmanagementsysteme, Intranet, Netzlaufwerke, E-Mail, ... - wozu noch ein Dienst?

Ist E-Mail wirklich so schlecht?

Google sagt "What might email look like if it were invented today?" und stellt Wave als die Antwort auf diese Frage vor. Ich wiederum bin mir nicht sicher, ob E-Mail wirklich so schlecht ist. E-Mail hat ca. 25 Jahre Zeit gehabt, sich zu etablieren. E-Mail ist mittlerweile überall verfügbar, auf jedem Betriebssystem, in jeder Ausprägung. Sogar mein WLAN-Telefon hat einen integrierten E-Mail-Clienten. Sicher, es gibt Probleme mit Spam und der Informationsflut, gerade im Unternehmensumfeld.

Allerdings hat Google mit Google Mail auf diese Fragen bereits eine Antwort gefunden: Google Mail gruppiert Mails nach Unterhaltungsthema, Google Mail besitzt einen sehr guten Spamfilter und eine rasend schnelle Suchfunktion, ich kann Mails taggen, Regeln erstellen, ... Google Mail ist im Browser sogar komplett mit der Tastatur bedienbar. Mir fehlt eigentlich nichts! Sogar vom Handy aus kann ich dank der guten Integration in Android alles ohne Probleme benutzen. Wenn man sich Google Mail mal von einem Handy mit HTML5-Browser angeschaut hat, kann man sowieso nur noch staunen.

Wozu brauche ich dann noch Wave?

Zielgruppenproblematik

Die Frage mit der Zielgruppe ist meiner Meinung nach die Kernfrage bei Google Wave. Wer soll das benutzen? Ist Wave für den "normalen" Anwender wirklich verständlich genug? Oder ist es nur was für Technikfreaks? Wenn aber schon ich mich nicht wohl damit fühle (und ich bin normalerweise eher der Technikfreak), dann weiß ich nicht, wie es der normale Anwender findet...

Fazit

Google versucht mit Wave den nächsten Schritt in der Evolution der Kommunikations- und Kollaborationsmittel zu gehen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass sie es schaffen. Sie haben bei Google Wave noch einige Hausaufgaben, insbesondere im Bereich Usability, zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob es den Use-Case für Wave gibt und ob die Benutzer es annehmen werden. E-Mail hat eine Menge Zeit gehabt, sich zu etablieren. Geben wir Google Wave mal 10-20 Jahre Zeit ;-)

Ich scheine ja glücklicherweise mit meinen Zweifeln nicht der einzige zu sein...

Wie sind eure Erfahrungen mit Google Wave? Überzeugt mich!

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  2. Google I/O 2010
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  4. Bye-Bye Google Buzz
  5. Google-Wave-Invites zu vergeben
Printed from: http://nodomain.cc/2009/12/09/google-wave-ein-epic-fail.html .
© Fabian Fischer 2010.

5 Kommentare   »

  • Grundsätzlich gebe ich dir Recht (ohne Wave im Detail zu kennen, ausser der ein oder anderen Geek-Search hier und da :) ).

    Neben der Tatsache, dass es bei Wave offensichtlich handfeste technische Baustellen gibt, halte ich eine andere "Baustelle" für noch relevanter: sowas Nebensächliches wie den User in seiner Rolle als...kapazitativ beschränkter homo sapiens sapiens.

    Ich glaube, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, an dem insbesondere im Netz die technischen Möglichkeiten (und damit: Ideen, Nischenanwendungen inkl. entsprechender Umsetzungen) ein Ausmaß angenommen haben, welches die User durch Frequenz und Volumen immer stärker überfordert. Dadurch fokussieren sie sich auf Nischen, um es erträglich zu machen.

    Statt aber "back to the roots" zu gehen, macht Google mit Wave genau das Gegenteil mit dem (aus meiner Sicht sinnlosen) Versuch, genau diese unhandlebare Informationsflut DOCH in ein Tool zu pressen.

    Der Mensch ist auf Serialität in einem bestimmten Umfang angewiesen und obwohl sich unsere Gehirne anscheinend schon teilweise an die neuen Gegebenheiten angepasst haben und das weiter tun - SO stark, wie es nötig wäre, werden sie sich innerhalb von 1 oder 2 Generationen nicht umstricken können.

    Sowas chaotisches wie Wave hat aus meiner Sicht insbesondere im beruflichen Umfeld so gut wie keine Chance - zunächst, wie du schon meintest, so auf die nächsten 10, 20, 50 Jahre.

    PS: Daher halte ich auch das "E-Mail hat ihren Zenit überschritten"-Geschrei für Murks.

  • Schließe mich dem Artikel und dem Comment von Media Addicted voll und ganz an. Wave konnte mich auch kein bisschen überzeugen und selbst mit Phantasie fällt mir kein Anwendungsgebiet ein, es wirklich Sinnvoll und nicht nur als Spielerei nutzen zu können.

    • ff says:

      Wir sind einfach die falsche Zielgruppe ;-)
      Ich bin gespannt ob Google noch die richtige findet.

  • Nö, das glaube ich noch nichtmal. Wenn nicht wir die Zielgruppe sind, wer denn dann?

    Die Standarduser sind doch glücklich, wenn auf ganz vielen Webseiten ganz viele Messages blinken und Bilder aufpoppen, um es mal ganz böse zu sagen. Du glaubst doch nicht, dass die jemals Wave benutzen (wollen) werden. Die brauchen einen IM mit fünfmarkstückgroßen, farbigen Buttons und einer 1280x1024 Smiley-Leiste. Die werden auch nie in die Verlegenheit kommen, Projekte zu planen oder "collaborative" an irgendwelchen Texten, Konzepten, Präsentationen oder was weiß ich zu schrauben... schon gar nicht in Echtzeit, weil ihnen Mails mit Antwort-Funktion eigentlich schon zu schnell und unübersichtlich gehen.

    Schau mal in beliebige Behörden, da fällt dir alles aus dem Gesicht welches Technologie- und Effizienzprekariat sich da über die Jahrzehnte angesammelt hat. Ist wie eine Petrischale, die perfekt (von der Realität) abgeschirmt bei 36,5°C für 60 Jahre im Schrank gestanden hat.

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